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Racing for sun – Renntraining in Calafat, Spanien

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Die Szene wirkt schon etwas grotesk. Da schraube ich an meinem grünen Schätzchen (das kennt Ihr ja schon aus Heft No.1 vom Renntraining in Hockenheim) und checke alles noch mal sauber durch. Außerdem montiere ich dabei einen anderen Endtopf, der sich etwas deutlicher bemerkbar machen soll.

Strahlender Sonnenschein und das angenehme Plätschern der Wellen, die am feinen Sandstrand auslaufen und ihr Ende finden, verwöhnen mich bei meiner angenehmen Tätigkeit. Mein Blick geht nach oben. Im leichten, lauwarmen Wind wiegen sich die mächtigen Palmen und weiter, ganz weit draußen schiebt ein mächtiger Tanker durch das Mittelmeer. Davor die weißen Segel eines Zweimasters.

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Keine Angst! Ihr müsst jetzt nicht glauben, dass ich meine Zeilen für ein Reise- oder Tourermagazin schreibe und diese sich nun in die Circuit verirrt haben. Alles OK. Entspannt Euch. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Nein, nicht aus Schadenfreude, sondern weil ich das gute Gefühl habe, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Kurz vorher das Telefonat nach Hause, mit der Nachricht „Schneechaos, Regen, Kälte.“ Ihr Armen, wenn ihr wüsstet, wie schön es hier ist. Wo ich bin? Na klar, in Spanien an der Costa Dorada.

Was ich hier mache? Logisch, Urlaub. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zum Glück, in diesem Fall. Es ist ein paar Tage vor Ostern und ich bin zum Renntraining in Calafat gemeldet. Veranstalter: Doc-Scholl Fahrertraining. Calafat liegt ca. 150 Kilometer südlich von Barcelona direkt am Mittelmeer. Mein Standort: 12 Kilometer von der Rennstrecke entfernt auf einem traumhaften Campingplatz, den ich ansatzweise oben beschrieben habe. Also, beste Voraussetzungen für einen Top-Urlaub in Verbindung mit meinem Hobby und Lieblingssport. Ich bin gespannt, was mich in und mit Calafat erwartet. Die Strecke, die Gegend aber auch der Veranstalter sind für mich Neuland.

Also, zunächst entspannen. Am Strand in der Sonne faulenzen, aber die Gedanken in Anbetracht der Racetrack-Vorfreude schon mal auf Drehzahl bringen. Eine leckere Paella essen, oder in Tarragona durch die Altstadt und am Hafen schlendern. So müsste die Anreise zu einem Renntraining öfters sein. Erstmal den Alltag wegschieben und dann anschließend ruhig, gelassen in die ersten Runden auf die Piste gehen. Klasse!

doc_scholl_calafat_circuit_Donnerstag, 20.03.08. Nachmittags rolle ich ins Fahrerlager. Spontan empfinde ich die harmonische und fröhliche Atmosphäre bei den vielen Teilnehmern, die bereits ihren Platz im Fahrerlager gefunden haben. Man spürt, viele von ihnen waren schon öfters hier und kennen sich untereinander. Ich stelle meinen T5 an eine geeignete Stelle und lade meine grüne Diva aus. Jetzt lerne ich Imke und Christoph Scholl kennen (seines Zeichens Dr. med.). Beide begrüßen mich und andere, gerade angereiste Teilnehmer herzlich. Es geht zur technischen Abnahme. Schätzchen ist OK. Ich bin glücklich, hatte aber auch nichts anderes erwartet. Man spricht deutsch. Fast alle Helfer, technische Verantwortliche und Streckenposten sind aus Deutschland mit angereist. Ich melde mich noch mal offiziell im Meldebüro an und bekomme den Aufkleber meiner Gruppe „Sportfahrer“ für die Verkleidung.

In der Abendsonne starte ich die Kawa und lasse sie gemütlich warm laufen. Dann drehe ich zwei Runden durch das Fahrerlager und verschaffe mir einen ersten Überblick. Dabei knüpfe ich die ersten Kontakte mit anderen Teilnehmern. Die Kenner der Strecke fixen mich schon richtig an und der Spritgehalt in meinen Adern gewinnt mehr und mehr die Überhand. Wir lassen den Abend ausklingen.

Der Karfreitag beginnt mit einer Pflichtveranstaltung um 8:45 Uhr. Ihr wisst schon, die Fahrerbesprechung. Ostern in Calafat bedeutet in der Regel, tagsüber angenehme Temperaturen und nachts noch ziemlich kalt. Entsprechend kühl und windig ist es an diesem Morgen bei der ersten Fahrerbesprechung. Alle sind da und der Doc spricht mit lauter Stimme zu den versammelten Speedjüngern. Da ist die Rede von den Regeln auf der Strecke, den verschiedenen Gruppen und von positiver und negativer Energie bei den ersten Runden. Soll heißen: Die Asphalttemperatur ist bei den Frühturns noch einstellig, also nicht zu hart bremsen bzw. beschleunigen.

“Es wird jetzt schon deutlich; der Doc ist ein Racer, aber er legt Wert auf die größtmögliche Sicherheit.”

Die ersten Gruppen nehmen die Strecke ein. Offensichtlich haben ein paar Leute vorher nicht richtig zugehört und meinen, schon den fetten Grip auf der kalten Piste zu haben. Pech. Die Piste bestraft diejenigen, im wahrsten Sinne des Wortes, schlagartig. Zum Glück ohne ernsthafte Folgen. Schade nur, dass einige der schön aufgebauten Geräte schon ziemlich stark beschädigt sind.

Dies ist übrigens ein Merkmal dieser schönen Strecke: Wer abfliegt, landet nicht in der Wiese oder in einem „Sandkasten“ mit feinen, runden und geharkten Kieseln, sondern sollte wissen, dass die „Bremsklötze“ etwas grober sind und auch nicht so gleichmäßig liegen. Mal liegen sie auch dort gar nicht. Die Curbs sind auch nicht immer glatt wie ein Kinderpopo, sondern schon mal ziemlich ausgefranst. Vorsicht mit den Kniepads! Du kannst hängen bleiben.

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Ansonsten ist das 3,25 Kilometer lange Streckenlayout positiv anspruchsvoll. Leichtes Gefälle und entsprechende Steigungen gehören mit dazu wie trickreiche Kurven (9 rechts, 7 links), an die man sich als Neuling mit Respekt erstmal heran tasten sollte. Die Streckenbreite mit mindestens 10 Metern ist völlig OK. Die so genannte Scheißhauskurve forderte z.B. von einigen Teilnehmern ihren Tribut. Du kommst da ziemlich schnell angeflogen und musst schon den richtigen Punkt auf guter Linie zum Bremsen bzw. runter schalten finden, sonst guckst du in die grimmigen Augen dieser engen Linkskurve. Dann ist es vermutlich schon zu spät und du lernst die spanischen Steinchen kennen.

Der Grip auf der Strecke ist ein Traum. Entsprechend radieren die Reifen ab. Die Fahrbahnoberfläche ist nicht unbedingt topfeben. Fahrbahnabsätze und etliche Bodenwellen steigern den Streckenanspruch. Allerdings hat man nach vier Tagen auf dieser Piste nicht nur jede Kurve und die Linie im Kopf, sondern auch jede Bodenunebenheit. Ein gutes, auf die Strecke angepasstes Setup ist allerdings hier unbedingt notwendig.

Wir schießen uns am ersten Tag ohne Zweifel auf die halbwegs richtige Linie ein. Es macht von Runde zu Runde mehr Spaß und ab Mittag stimmen die Außen- und Asphalttemperaturen. Von 17:00 bis 18:00 Uhr findet jeden Tag ein Ladies- und Mecanics-Drive statt. Tolle Einrichtung für alle, die ohne Druck und locker die Piste erkunden wollen.

In der „Festhalle“ im Fahrerlager wird mittags und abends Catering vom Feinsten geboten. Dies zu fairen Preisen. Die Köche: Ein Schweizer Ehepaar (schon seit über 20 Jahren in Spanien wohnhaft) serviert Speisen und Salate, die an die Rennstrecke passen.

Die Boxenanlage mit 24 kleineren Boxen (6 x 4 m) ist natürlich ausgebucht. Das Fahrerlager mit ca. 16.000 Quadratmetern ist aber für solch eine Veranstaltung mehr als ausreichend. Jeder hat sein Plätzchen gefunden. Die Sanitäranlagen sind ordentlich und werden regelmäßig gereinigt. Eine Tankstelle sucht man im Fahrerlager vergebens. In ca. 3 Kilometer Entfernung, an der Bundesstraße N-340 gibt es eine Repsol-Zapfanlage wo immer ausreichend von dem spanischen MotoGP Sprit sprudelt. Also, mit zwei 20 Liter Kanistern kommst Du dann erstmal klar. Calafat selbst ist ein gepflegter Ort mit einer teilweise wilden Steilküste.

doc_scholl_calafat_04Der erste Renntrainingstag geht mit regem Austausch und vielen Benzin-Gesprächen zu Ende. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber wenn du den ganzen Tag dabei bist, eine neue Stecke kennen zu lernen, beschäftigt dich das auch nachts. Dein Gehirn verarbeitet selbst im Schlaf und Unterbewusstsein die Erlebnisse und Streckenerfahrungen. Dann fange ich schon wieder an, meine Fehler zu analysieren. Wo war die Linie nicht optimal? Warum habe ich schon wieder den falschen Gang drin gehabt? Wieso bremse ich vor dieser Kurve so früh?

Samstag, 22.03.08, 8:45 Uhr. Fahrerbesprechung. Der Doc lässt kurz in seinem „Referat“ den ersten Tag Revue passieren und gibt noch mal alle Warnungen im Hinblick auf die noch zu kühlen Temperaturen. Auch heute ist der Wind wieder unser ständiger Begleiter. Vorsicht ist geboten. Alle gehen nacheinander in ihren Gruppen wieder hochkonzentriert auf die Strecke. Meine „nächtliche Analyse“ scheint sich auszuzahlen. Ich fange an, meinen speziellen Calafat-Fahrstil heraus zu arbeiten. Der Fahrspaß-Pegel steigt weiter. Ab Turn drei montiere ich eine kleine Onboard- Kamera und filme einfach mal drauf los, um später weiter analysieren zu können. Am Nachmittag erleben wir zwar weiter die inzwischen kräftiger gewordenen Windböen, aber das Thermometer nickt uns freundlich und Mut machend zu.

Ich knalle inzwischen über den Kurs, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes gemacht. Dabei merke ich nicht direkt, wie sich der Grenzbereich meiner Reifenhaftung gefährlich dem Ende nähert. Waaahhhh!!!! In der letzten Rechts-Links Kombination vor Start/Ziel habe ich wohl einen Tick zu früh und zu kräftig den Hahn wieder angespannt und erlebe einen Highsider der klassischen Art. Schätzchen will mich nun endgültig abwerfen. Bullriding in Spanien? Hey, seit wann sind Bullen grün? Reflexartig ziehe ich beim Wegrutschen der Kawa die Kupplung, bevor der Reifen wieder Grip bekommt. Warum ich sitzen
geblieben bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Das „Bremsklotzkiesbett“ habe ich auch nicht gesehen und konnte auf der Strecke bleiben. Der Kollege mit seiner R6 hinter mir hatte jedenfalls kurz das Hosenflattern, in Sorge meines möglichen Abfluges und seine mögliche Verwicklung
darin.

Durchatmen. Adrenalinspiegel runter fahren. Eine Runde cruisen und dann wieder das Kabel unter Spannung halten. Zack! Ich bin wieder bei der Musik. Na also, geht doch wieder. Ich beschließe, am kommenden Tag die Reifen zu wechseln. Mein Vertrauen in die nun doch schon knackig angefahrenen Race-Pneus hat doch einen ganz leichten Kratzer bekommen.

doc_scholl_calafat_03 Am Abend laden Imke und Christoph zum Vortrag ein. Doc Scholl erzählt der Calafat-Race-Gemeinde etwas zum Thema „protektive Sicherheit“. Dies tut er in seiner ihm ureigensten Art. Es gibt dabei genug zu lachen. Keine Frage: Dieser Medizinmann ist ein Original. Egal, ob er in der Rennkombi auf seiner Suzi sitzt, oder wie heute abend einfach mal so einen Vortrag hält. Die Mannschaft hört ihm andächtig zu, wie er zum Thema Helm, Kombi, Stiefel und Handschuhe aus der Sicht eines Arztes und Sicherheitsspezialisten referiert. Die Stimmung ist ausgezeichnet.


Der Ostersonntag empfängt uns mit heftigem Wind. Die Windböen treffen einen ohne Vorwarnung mit einer Schlagkraft, dass einem z.B. Ende Start/Ziel Hören und Sehen vergeht. Da kommst Du mit weit über 200 km/h an und hast das Gefühl, eine Faust drückt Dich von links nach rechts und zwar runter von der Piste. Auch dieses „Neben-der-Strecke-Erlebnis“ hatten einige von den Teilnehmern.

Doc Scholl beschließt, dass die Sprintrennen am Montag nicht stattfinden, falls der Wind so bleiben sollte. Der Wind sollte so bleiben. Diese Entscheidung war richtig und vernünftig. Mein Reifenwechsel steht an und ich lasse den Service erledigen.

Am Ostermontag nutze ich noch alle Gelegenheiten zum Fahren. Die Gruppen sind schon etwas kleiner geworden. Einige packen zusammen. Andere hat der Wind besiegt oder der Respekt davor ist zu groß. Ich fahre an diesem Tag aufgrund der Windverhältnisse nicht mehr die Zeiten wie am Samstag. Aber ich feile trotzdem weiter an meiner Linie und den Bremspunkten. Alleine die erworbenen Streckenkenntnisse sind ein Grund, wieder hier her zu kommen.

Der letzte Turn endet um 17:00 Uhr und die Veranstaltung nähert sich langsam dem Ende. Wir verabschieden uns. Imke und Christoph sind auch dabei, ihre Mopeds und Utensilien einzupacken. Wieder habe ich neue Freunde kennen gelernt und das gesamte Teilnehmerfeld war sehr homogen. Ich lasse anschließend noch ein paar Tage in Spanien ausklingen und reflektiere das Erlebte.

Meine persönliche Empfehlung: „Do it with the doc“. Am besten mal über Ostern in Calafat. Wo die Sonne um diese Jahreszeit scheint, wisst ihr ja jetzt.

Hey Doc! Thanks!


Der Artikel stammt aus:

CIRCUIT MAGAZIN 02 - 2008

CIRCUIT Heft 2.2008

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Martin Spiecker
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